Es ist 100 Prozent anders hier.

Es ist 100 Prozent anders hier. © Michael Luhrenberg

Artikel | 15.07.2016 | Luisa Houben

Wie es ist, ohne deine Eltern in einem fremden Land anzukommen

Wir haben mit einem 15-jährigen Flüchtling gesprochen, der ohne seine Familie hierher gekommen ist. Jetzt hofft er auf eine bessere Zukunft.

Zusammenfassung

  • Unter den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, sind jedes Jahr auch tausende Kinder und Jugendliche.
  • Damit sie hier eine Zukunft haben, müssen sie zuerst einmal die Sprache lernen. Das ist nicht so leicht, vor allem die neuen Schriftzeichen sind schwer zu verstehen.
  • Die Jugendlichen schauen lieber nach vorne als auf das, was sie zurück gelassen haben: Sie freuen sich auf eine Zukunft in Deutschland.

Für junge Flüchtlinge bedeutet eine bessere Zukunft: ein Alltag in Frieden, zur Schule gehen und Fußball spielen. Auch wenn sie ihre Eltern vielleicht nie wiedersehen werden.

"Nein, Mann! Da ist Krieg!"

Herr Schmitz steht auf einem der hölzernen Tische des Klassenzimmers. Mit dem Finger zeigt er auf die 21 selbst gebastelten Flaggen, die an der Wand hängen. Seine Schüler können die passenden Länder alle nennen: Syrien, Deutschland, Türkei, Rumänien, Kosovo, Afghanistan. „Beste Sprache. Bestes Land“, ruft einer der Jungs aus der ersten Reihe. „Nein, Mann!“, erwidert Achmad lautstark. „Da ist Krieg!“

Allein bis Deutschland

Achmad ist 15 Jahre alt und lebt seit mehr als einem Jahr in Deutschland. Über Pakistan, den Iran und die Türkei ist er nach Europa gekommen. Zu Fuß oder mit dem Auto. Bis zur Grenze der Türkei war er mit seinem Onkel unterwegs. Bis er ihn eines Nachts verlor. Wie das passiert ist, daran erinnert er sich nicht. Er musste allein weiter. Seinen Onkel hat Achmad seitdem nicht wiedergesehen. Wenn er davon erzählt, kippelt der Junge in Jeans, schwarzem T-Shirt nervös mit dem Stuhl.
Ganz anders ist er im Unterricht. Selbstbewusst gibt er den anderen Schülern Tipps und ruft manche Antworten rein. Als er mit einer Mitschülerin einen Dialog üben soll, in dem sie sich verabreden, lädt er sie kurzerhand ins Kino ein.

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Mit Händen und Füßen

„Du Macho“, kommentiert der Lehrer. Achmads Deutsch ist noch etwas holprig, hier und da stimmt ein Pronomen oder ein Artikel nicht. Er lässt sich aber gern verbessern. Keiner der Schüler in dieser Klasse spricht Deutsch schon fließend. Alle haben eine andere Muttersprache. Achmads ist Dari, eine persische Sprache, die viele Afghanen sprechen. „Meine Schrift ist schwer. Die schreibt man von rechts nach links und mit anderen Zeichen“, erklärt er.

Hauptsache arbeiten

Am Anfang haben sich Lehrer und Schüler mit Händen und Füßen verständigen müssen. Mittlerweile fehlt bei manchen Schülern nur noch der Feinschliff. Deutsch zu lernen bedeutet ihnen viel. Sie wollen einen Abschluss machen und studieren. Achmad könnte sich vorstellen, später Automechaniker zu sein. „Aber egal, Hauptsache arbeiten“, sagt er entschlossen.
„Ich weiß viele Wörter noch nicht“, gibt Murtaza zu. Der 16-Jährige ist noch nicht lang in Deutschland, aber genau wie Achmad aus Afghanistan. Sein Talent: Fußballspielen. Als ihn zwei Jungs aus seiner Klasse auf dem Schulhof ansprechen, weil sie gehört haben, dass seine Mannschaft in der Bezirksliga gewonnen hat, grinst er. Etwas verlegen, aber stolz. Er ist zusammen mit seinem älteren Bruder nach Deutschland gekommen und teilt sich jetzt mit ihm ein Zimmer in der Wohngruppe eines Kinder- und Jugendheims. „Es ist 100 Prozent anders hier. In Afghanistan ist alles kaputt“, sagt Murtaza.

Hilfe unter Freunden

Nur das Wetter sei in Deutschland nicht besser. Zu viel Regen. Und dann ist da noch etwas, das er nicht verstanden hat: „Warum esst ihr nicht, was an den Bäumen wächst?“, fragt er ungläubig. Als Nächstes steht eine Stunde Mathe auf dem Stundenplan der zehn Schüler. Die Aufgabe: ein Arbeitsblatt zum Thema Dezimalzahlen. Ihre Lehrerin erklärt das Zehnersystem und den schriftlichen Rechenweg. Dann teilt sie die Blätter aus und sagt: „Im Kopf oder im Heft. Wie ihr wollt.“ Nicht alle Schüler haben an den Collegeblock gedacht. Achmad verteilt erstmal karierte Blätter. Während Murtaza der Erste ist, der alle acht Aufgaben gelöst hat und die Lehrerin neben jede ein Häkchen malt, braucht sein Kumpel Hilfe. Mit dem Stuhl lehnt er sich nach hinten und erklärt Achmad geduldig, wie die Lösung ist - auf Dari.


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