Die Eltern waren der Meinung, ihre Kinder würden in der öffentlichen Schule verdorben. Es störte sie, dass im Biologie-Unterricht die Evolution und nicht die biblischen Schöpfungsberichte durchgenommen werden.
„Unsere Kinder sollen lernen, dass Gott die Welt erschaffen hat, wie es in der Bibel steht - ohne Ausflüchte", sagte der Vater. Auch dass in der Schule über Sexualität geredet wird, über andere Religionen oder über Harry Potter, schockierte die Eltern. Damit würde jeden Tag gegen Gottes Gebote verstoßen.
Doch die zuständige Richterin ließ sich von diesen Argumenten nicht überzeugen. Sie fand die Sorge der Eltern übertrieben und entschied, dass die Kinder ab sofort eine normale Schule besuchen müssen. Das Recht der Kinder auf eine normale Schulbildung sei wichtiger als die religiösen Ansichten der Eltern. Nur: Was ist mit dem religiösen Recht der Familie? Schließlich werden Eltern und Kinder durch das Gerichtsurteil gezwungen, gegen ihren persönlichen Glauben zu verstoßen.
Auch in Bayern
... liegen einige Familien schon länger im Streit mit den Schulbehörden. Sie gehören einer christlichen Glaubensgemeinschaft an, die sich "Die zwölf Stämme" nennt. Ihre 34 Kinder lassen sie seit Jahren nicht zur Schule gehen - auch hier vor allem wegen des "gottlosen" Biologie-Unterrichtes. Nachdem auch hohe Strafgelder gegen die Familien nichts genutzt hatten, wurden einige der Zwölf Stämme-Väter jetzt ins Gefängnis gesteckt. "Erzwingunsghaft" nennt man so eine Maßnahme; die Familien sollen also gezwungen werden, ihre Kinder endlich zur Schule zu schicken, wie es das Gesetz vorschreibt.
Glauben mit Kompromiss
Die Beispiele zeigen, wie stark der Glaube das eigene Leben bestimmen kann. Obwohl die Eltern sich damit großen Ärger einhandelten, blieben sie bisher ihrer Überzeugung treu. Dabei machen sie es sich allerdings ziemlich einfach. Sie nehmen sich und ihre Art zu glauben sehr, sehr wichtig. Das musste irgendwann zu Problemen führen. Denn wenn jeder nur absolut nach den eigenen Überzeugungen und Grundsätzen lebt, bricht das Chaos aus.
Natürlich sind der Glaube und die eigenen Überzeugungen wichtig. Aber wenn wir mit einander auskommen wollen, müssen wir eben manchmal Kompromisse eingehen. Ein solcher Kompromiss ist z.B. die Regel, dass man bis zu einem bestimmten Alter in die Schule gehen muss. Klar, das gefällt nicht jedem - wer geht schon immer gern zur Schule? Aber es ist trotzdem sinnvoll, denn alle sollen erst einmal die gleichen Möglichkeiten haben, etwas zu lernen, sich ein Bild machen zu können. Das gilt auch für Samara, Damaris, Rebecca, Tim, Lucas und all die anderen Kinder, die aus religiösen Gründen nicht zur Schule gehen können. Sie sollen die Schule wenigstens mal kennenlernen dürfen. Ihre Meinung und ihren Glauben dürfen sie ja trotzdem behalten.