Pfarrerin Petra Kringel beantwortet deine Mail und sagt bestimmt nichts weiter.

Verzeihen bewahrt die Seele vor dem Erfrieren

„Um ungeschränkt lieben zu können, müssen wir lernen, zu verzeihen“, lautet ein leicht abgewandeltes Zitat von Sigmund Freud. Sigmund Freud ist ein bekannter Psychoanalytiker, und seine Worte klingen interessant. Was steckt wohl dahinter, was ist da wohl dran: Warum, bitteschön, soll es so wichtig sein, einem Menschen, der einen verletzt hat, zu verzeihen? Konfiweb hat für euch nachgefragt.


Wenn ein anderer Mensch euch weh getan hat, denkt ihr bestimmt erstmal an alles Mögliche, aber ganz sicher nicht daran, diesem Menschen seine Gemeinheit auch noch zu verzeihen. Für so einen Schritt seid ihr viel zu wütend, statt dessen wollt ihr diesen Doofi nie wieder sehen, nie auch nur ein Wort wieder mit ihm sprechen.

Sich erstmal in seine Schmollecke zurückziehen zu wollen, ist völlig okay, wenn man verletzt worden ist. Richtig wütend zu sein und eine Zeitlang vom demjenigen nichts sehen und nichts hören zu wollen, der einen da so angegriffen hat, ist total menschlich.

Nicht im Ärger stecken bleiben

Aber nach einer Zeit sollte man wieder raus aus der Schmollecke. Bleibt man da zu lange drin, wird’s nämlich irgendwann ungemütlich.

„Wenn man einem Menschen, der einen verletzt hat, diese Verletzung nicht verzeiht, kann es passieren, dass man in seinem Ärger stecken bleibt“, erklärt Vivian Mussgay, 37, Psychologin für Kinder und Jugendliche aus München. Wenn man in seinem Ärger fest sitze, den Groll also zu stark in sich hineinfresse, sei das nicht gesund, denn: „dadurch kann die Seele verhärten“, weiß Vivian Mussgay.

Die Seele kann man sich wie einen Fluss vorstellen, in dem gleichmäßig das Wasser fließt. Wenn man verletzt worden ist, kann der Schmerz darüber den Fluss so kalt werden lassen, dass sich auf dem Flusswasser dünnes Eis bildet. Wenn man das nicht wieder aufbricht, bildet sich bei der nächsten Verletzung vielleicht wieder eine Eissschicht und bei der nächsten und übernächsten vielleicht noch eine und noch eine und noch eine. Und irgendwann könnte es sein, dass die Eisschicht insgesamt so dick geworden ist, dass sie sich nicht mehr aufbrechen lässt und man nicht mehr durchdringen kann zum fließenden Wasser. Dann bewegt sich nichts mehr in der Seele, und sie ist kalt und starr wie Eis.

Am Anfang steht das klärende Gespräch

So ähnlich funktioniert das auch mit dem Verzeihen. Indem man jemanden vergibt, der einem weh tat, befreit man sich von dem Schmerz, der Eisschichten bilden kann. Damit tut man also nicht dem anderen etwas Gutes, sondern im Grunde sich selbst: denn man bewahrt seine Seele langfristig vor dem Erfrieren.

Deshalb hat Verzeihen auch nichts mit Nachgeben im Sinne von ungesundem Zurückstecken zu tun, sagt Vivan Mussgay: „Verzeihen darf man nicht damit verwechseln, dem anderen ein ,ist-ja-nicht-so-schlimm' zu signalisieren. Am Anfang einer Auseinandersetzung steht auch nicht das große Verzeihen, sondern zunächst ersteinmal ein klärendes Gespräch, in dem man dem anderen mitteilen muss, wie sehr einen sein Verhalten verletzt hat.“

Reagiert der andere dann erschrocken und bittet einen, ihm zu verzeihen, sollte man diese Gelegenheit auch ergreifen, um den Schmerz über die Verletzung endgültig abzuschütteln. Versteht der andere euch aber gar nicht, benimmt er sich vielleicht sogar erneut verletzend, dann kann es wiederum vielleicht mehr Sinn machen, sich ein für allemal zurückzuziehen, ihn zu meiden und das Gespräch nicht mehr zu suchen. Anstatt dessen muss man dann „das Gespräch mit sich selber suchen und das Verzeihen mit sich selbst ausmachen“, erklärt Vivan Mussgay. Und das geht so, indem man sich selber sagt: ,Verzeih dir, dass du nicht so gut auf dich aufgepasst hat, dass du du es zugelassen hast, dich so von diesem Menschen so verletzen zu lassen'.

Achtet auf euer Bauchgefühl!

Es gibt natürlich keine feste Anleitung dafür, wieviele klärende Gespräche man sucht und wann man beschließt, keine klärenden Gespräche mehr zu suchen. „Das muss jeder für sich selbst entscheiden, das muss jeder für sich selbst aushandeln“, sagt auch Vivan Mussgay. Am besten wäre es, man achte immer auf sein Bauchgefühl, das einem sagt, ob man sich mit einem Menschen wohlfühlt oder nicht. Und wenn man sich mit einem Menschen nicht so wohlfühlt, sollte man innerlich hellhörig werden und genau hingucken, warum man sich nicht wohlfühlt.

Pfarrerin Petra Kringel, 41, Seelsorgerin bei „konfiweb.de“, findet Verzeihen auch deshalb so wichtig, weil man sich damit klar macht „dass der andere ein fehlerhafter Mensch ist, genau so wie du selber“. Unabdingbar findet sie eine Entschuldigung desjenigen, der einem weh getan hat, „nicht einfach Schwamm drüber, sondern eine richtige Entschuldigung“ – mit ihr hätte man letztendlich die Möglichkeit, seinen Zorn ein für allemal über Bord zu werfen, was für einen selbst nur gut wäre. Zorn beschwere nämlich die Seele, „und macht einen lebensunfähig – doch sobald ich ihn abgeworfen habe, merke ich, wie mich das erleichtert.“

Und die Bahn wieder frei ist: für unbeschwerte Lebensfreude.

Text: Almut Steinecke

 

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