Diäten können der Einstieg in die Essstörung sein: wenn man immer dünner werden will, das Gefühl dafür verliert, was der Körper braucht. Nina*, 18, erzählt auf „konfiweb“ ihren persönlichen Weg in die Krankheit, die ihren Alltag mit fatalen Zielen bestimmte: dem Hunger huldigen, „Essen als Feind“ betrachten.Aber dieses Ding mit dem Essen, das beginnt zu stressen. Immer diese Dauerangst, zugenommen zu haben. Am besten, man geht nicht zuviel Risiko ein. Nina guckt auf die Uhr, es ist früh am Nachmittag. Am besten, sie isst für heute nichts mehr.
Nina streicht sich eine Strähne hinters Ohr. Ihre feine Stimme klingt ruhig, während sie erzählt. Gerade sitzt sie im Büro von „ANAD“, einem Münchner Verein mit therapeutischen Wohngruppen für Menschen mit Essstörungen (nähere Info: http://www.anad.de/index.html) . Nina ist seit acht Monaten hier, hat ein Zimmer in einer Wohngruppe, macht bei „ANAD“ eine Therapie. Beileibe nicht die erste in ihrem Leben. Ihr Entschluss mit 13, nicht mehr zu essen, bescherte ihr bald den ersten Klinikaufenthalt, verordnet von Ärzten zu denen ihre Eltern sie geschickt hatten, verschreckt durch Ninas Zustand, durch ihr Verhalten. „Ich konzentrierte mich immer mehr auf mein Gewicht, habe mich mehrmals am Tag gewogen. Bin stundenlag in unserem Treppenhaus die Treppen rauf- und runtergerannt. Wollte jede Möglichkeit nutzen, Kalorien zu verbrennen. Wollte nicht mehr zunehmen, das wurde zur fixen Idee, bis zu einer noch fixeren: „immer mehr abzunehmen“, nickt Nina. Wie sie das „Essen als Feind“ sah und die Vorteile im Verzicht: „Wenn ich nichts aß und den Hunger spürte, konnte ich mich im Ganzen mehr zu spüren. Und meine Mama schenkte mir viel mehr Aufmerksamkeit – da musste ich nicht mehr die Mama für die Mama sein.“ Denn dieses Gefühl hatte Nina, seit sie auf der Welt war: speziell ihre Mutter irgendwie „versorgen“ zu müssen, mit Halt für den Alltag, für das Leben. Dabei brauchte Nina den als Tochter selbst.
Die Familie spielt bei Essstörungen eine große Rolle, unterstreicht Dr. Eva Wunderer (Foto, links). Die 38-Jährige ist Psychologin bei „ANAD“, behandelt die Patienten in Wohngruppen wie der von Nina. „Manchmal“, erzählt sie, „haben andere Familienmitglieder ebenfalls eine Essstörung“ oder ein gestörtes Verhältnis zum Kind: wie zwischen Nina und ihrer Mama. Für gestörte Verhältnisse sorge auch das Fernsehen. „Sendungen wie zum Beispiel ,Germanys Next Topmodell' tragen dazu bei, dass junge Mädchen einem verzerrten Schönheitsideal nacheifern: sie glauben, nur superschlank sei schön“, sagt Wunderer. Viele versuchten es dann mit einer Diät, die zum Einstieg werden kann in den Abstieg. „Diäten machen anfällig für Essstörungen“, sagt Wunderer. „Wenn man wiederholt Diäten macht, versetzt man den Körper in Alarmbereitschaft. Der Körper fragt sich: ,Wann kommt die nächste Hungerphase?', und versucht, dieser Hungerphase vorzubeugen. Er hamstert das Essen und legt Fettdepots an, um vorbereitet zu sein. Statt abzunehmen“, so Wunderer, „nimmt man also zu. Und man verlernt, zu essen, wenn man Hunger hat und aufzuhören, wenn man satt ist.“
Nina hatte das verlernt, wog irgendwann 36 Kilo bei einer Größe von 1,60 Metern. Und hörte trotzdem nicht auf zu hungern, auch nicht nach der ersten, zweiten, dritten Therapie. Ihre Eltern, ihre Ärzte hatten sie immer wieder in Kliniken geschickt, „und die Behandlungen haben mich insgesamt schon gestärkt, aber trotzdem hat mir keine die Kraft gegeben, mein Leben wirklich anzupacken, wirklich zu verändern“. Diese Kraft, die spürt sie jetzt erst: bei „ANAD“. Begleitet von Psychologen wie Dr. Eva Wunderer hat sie sich behutsam herangetastet, an die Zusammenhänge zwischen sich, ihrer Mutter, ihrer Familie, ihrer Haltung zum Essen. Das war ein weites Feld. Und ist es immer noch. Im Umgang mit sich und dem tief sitzenden Glauben, das Schlanksein gleich Schön ist. Vor allem für andere.
„Wenn man Nahrung einschränkt und abnimmt, gibt es häufig Lob von außen“, erklärt Ingrid Mieck, 56, Diplom-Psychologin bei der Beratungsstelle „Cinderella – Aktionskreis Ess- und Magersucht“, ebenfalls mit Sitz in München (nähere Info: http://www.cinderella-rat-bei-essstoerungen.de/). Das Lob käme automatisch von den Menschen, die gar nichts Böses im Sinn hätten, wenn sie sagten: ,oh, du hast aber toll abgenommen, du bist ja schön schlank geworden'! Doch eben diese Anerkennung sei ganz fatal: „Das Lob tut gefährdeten Menschen so gut, dass sie immer wieder, immer weiter, immer mehr davon wollen.“ Und dann bestehe die große Gefahr: „Immer weiter, immer noch mehr abnehmen zu wollen“. Der Zeitpunkt, wann eine Diät zur Essstörung werde, sei dabei sehr schwer zu bestimmen. „Ich denke, es ist zum Beispiel ein Alarmsignal, wenn man das Essen nicht mehr aus dem Kopf bekommt, wenn man mehr als notwendig darüber nachdenkt, wenn man einen eigenen inneren Zwang verspürt, unter dem man sich ernährt, beziehungsweise nicht ernährt“, sagt Psychologin Mieck. Dr. Wunderer von „ANAD“ wirft einen weiteren Aspekt auf: „Bedenklich wird es, wenn man nicht isst, weil man Hunger hat, sondern weil man traurig ist oder sich langweilt – wenn Essen also mit Gefühlen verbunden wird, mit denen es eigentlich nichts zu tun hat.“ Wer so etwas bei sich beobachte, dürfe nicht warten. „Man darf nicht denken, ,das wird schon wieder'“.
Nina will nicht mehr warten, so nicht mehr über sich denken. Nach acht Monaten bei „ANAD“ kann sie heute sagen, mittlerweile wieder normal zu essen. Sich auch mal auf ihr Leibgericht zu freuen, „Geschnetzeltes mit Reis und Salat“. Sich abhängig zu machen von einem Wohlgefühl mit sich, das unabhängig ist von der Waage. „Denn da steht nicht mein Glück, was mich als Nina ausmacht. Letztendlich steht da nur eine Zahl.“
(*Name von der Redaktion geändert)
Text: Almut Steinecke
Hilfe bei Essstörungen gibt es hier:
http://www.cinderella-rat-bei-essstoerungen.de/