Wenn Nadine Büttner ihre Gedanken schweifen lässt und in ihrem Kopf spazieren geht, trifft sie auf glatte, schöne Gestalten: auf Mädchen mit großen, glänzenden Augen, zart und zierlich, puppenhaft süß. Auf Jungs, denen eine Locke lässig in die Stirn fällt, männlich, markant, mit durchtrainierten Körpern. Denn die Welt in Nadine Kopf ist eine Comic-Welt: Die 31-Jährige ist Manga-Zeichnerin – sie ist eine echte „Mangaka“ !Manga-Zeichnen kann man nicht direkt lernen, das erspürte Nadine beim Betrachten der Bilder. Und auch, dass man sich seinen eigenen Weg suchen muss, um die Wesen mit den blanken Bambi-Augen zu erfassen. Nadine begann sie zunächst abzuzeichnen, sich die typischen Merkmale der kindlichen Comicfiguren einzuprägen, nach und nach immer stärker, um sich schließlich langsam von allen Vorlagen zu lösen. Und – basierend auf zeichnerischen Standards – ihren eigenen Stil zu finden.
Wobei Nadine sich noch als Suchende begreift. Wichtig ist ihr, die Mangafiguren nicht zu künstlich zu gestalten, ihre Augen etwa nicht als „große Fliegenaugen“ zu malen. „Kulleraugen finde ich zwar auch süß, aber ich mag es natürlicher, weil es dann authentischer aussieht und die Leser umso mehr berührt.“ Ein Ansatz, den die Profis gut fanden: Der ,Carlsen-Comics’-Verlag in Hamburg stellte Nadine als Zeichnerin ein, seit 2003 gestaltet sie für ihn Comic-Bände und Kapitel für die Comic-Mädchen-Zeitschrift „Daisuki“. Für eine Seite in Farbe braucht Nadine ein bis drei Tage, für eine Seite in Schwarz-Weiß einen Tag. Die Kästen, in die einzelnen Szenen auf einer Seite unterteilt sind, heißen „Panels“ („Panel“ ist das englische Wort für „Feld“), eine Skizze heißt „Scribble“ (das ist das englische Wort für „Gekritzel“). „Bevor ich aber mit dem Zeichnen loslege, muss ich erstmal alles grob durchskizzieren und die Skizzen der Redakteurin bei ,Carlsen-Comics’ vorlegen“, erzählt Nadine. „Manchmal sagt sie mir dann, ,zeichne diese Szene doch größer‘ oder ,zeichne diese Szene doch aus einer anderen Perspektive‘.“
Im Moment arbeitet die Mangaka am siebten Kapitel zu „A Kiss From The Dark“; ein Manga über ein Mädchen, das sich in einen Jungen aus einer anderen Welt verliebt, der früher mal ein Mensch war! Die Story für „A Kiss From Fhe Dark“ hat sie sich zusammen mit Michael Waaler ausgedacht, einem Autor, der für ,Carlsen Comics’ arbeitet. Die einzelnen Szenen für die Bilderfolgen zeichnet Nadine mit Bleistift vor. Für die Skizzen für ein Kapitel von 30 Seiten braucht sie ungefähr drei Wochen.
Wenn die Redakteurin bei ,Carlsen Comics’ alles abgesegnet hat, beginnt Nadines Arbeit am Computer: Sie scannt ihre Bleistiftzeichnungen ein, so dass die Zeichnungen am Bildschirm erscheinen. Ein spezielles Gestaltungsprogramm namens „Mangastudio“ bietet ihr sogenannte Raster. Das sind Vorlagen oder Folien für die Umgebung, in der sich die Mangafiguren bewegen; für Alltagsgegenstände oder Türen und Fenster oder für die Natur, für Bäume oder Pflanzen. Die Raster sind in den typischen verschiedenen Grautönen gehalten, die den Bildern Lebendigkeit und Tiefe verleihen. Die Skizzen, die auf dem Computerbildschirm erscheinen, zeichnet Nadine auf einem digitalen Zeichenbrett mit einem speziellen hierfür geeigneten Stift nach.
Wenn Nadine ein Gesicht in Großaufnahme malt, beginnt sie zuerst mit der äußeren Linie des Kopfes. Danach malt sie die Augen, dann die Nase und den Mund, die Haare, den Hals und zum Schluss vielleicht noch ein Stück vom Oberkörper. Bei einem Menschen, der im Ganzen zu sehen sein soll, strichelt sie die Gestalt einmal ganz durch, von oben bis unten, bevor sie sich an die Feinarbeit macht.
Nadine zeichnet am liebsten morgens, „ich kann gleich nach dem Aufstehen anfangen – einen Kaffee und dann direkt loslegen!“ Bei ihrer Schreibtischarbeit hört sie am liebsten Musik von Placebo oder Muse oder guckt nebenbei „die ganzen Sitcoms bei Kabel 1“. Die Arbeit ist eine einsame Arbeit, aber Nadine fühlt sich dabei nicht allein. „Die Geschichten sind wie ein Film, wie eine Phantasiewelt“, in der es gerade für Manga spezielle Techniken gibt, mit denen sich Gefühle darstellen lassen. „Große Lichtpunkte in den Augen können Tränen oder Gefühle wie Gerührtheit symbolisieren. Wenn man die Iris ganz schwarz ausmalt, lässt man ein Manga-Mädchen geisterhaft erscheinen. Wenn man die Unsicherheit einer Person ausdrücken will, kann man sie ,kleiner’ aussehen lassen, indem man ihre Gesichtszüge ganz stark vereinfacht. Diese Technik nennt man ,Chibby’.“
Nadine taucht dabei völlig ab, „ich lebe mit den Figuren im Kopf, gehe quasi mit ihnen durch ihre Welt spazieren und fühle, was sie fühlen: Wenn sie sich freuen, freue ich mich auch, und wenn sie leiden, leide ich auch.“
Vor allem, wenn sich ihre Katzen Mischka und Sunny mal wieder auf ihren Bildern breit machen...