Pfarrerin Isolde Zeitler-Lankes beantwortet deine Mail und sagt bestimmt nichts weiter.

"Ihr seid wichtig als Mensch"

16 Menschen starben bei dem Amoklauf von Winnenden am 11. März 2009. Wie haben Schülerinnen und Schüler an anderen Schulen die Tat erlebt? Was denken die Lehrer darüber? Und wie gehen sie mit dem schrecklichen Ereignis um?

Das Gymnasium in Bad Windsheim in Bayern. Hier arbeitet Renate Schindelbauer. Sie ist Pfarrerin und Religionslehrerin.

Am Tag nach dem Amoklauf von Winnenden beginnt sie ihren Unterricht mit einem Musikstück. Sie macht die CD an und schreibt an die Tafel „Ohne Worte“. Damit ihre Schüler Zeit haben, über Winnenden nachzudenken, sich auszutauschen, darüber zu reden. Doch es redet keiner. Auch in der nächsten Klasse nicht.

Erst gegen Mittag, in einer Freistunde. Renate Schindelbauer geht an einer Gruppe von Schülern vorbei, die sie plötzlich bitten, „Frau Schindelbauer. . . wir möchten sprechen.“

Warum??

Viele Fragen hört die Religionslehrerin, die häufigste ist: „Warum macht ein junger Mensch so was?“

Doch Renate Schindelbauer weiß auch keine Antwort, „ich stecke nicht drin im Menschen, ich weiß nicht, was den jungen Tim K. bewegte, ich kann nur vermuten, wie alle“, sagt sie. Und sie weiß: Einfache Erklärungen gibt es nicht. Vielleicht wird man nie erfahren, was in Tim vorging.

Wie eine unsichtbare Kraft

Am Mittwoch, 18. März, wird in Winnenden zu einer Schweigeminute aufgerufen. Auch die Lehrer und Schüler am Gymnasium Bad Windsheim wollen mitmachen. „Die Schweigeminute fiel auf einen Stundenwechsel, auf den Wechsel zwischen der dritten und vierten Stunde“, erzählt Pfarrerin Schindelbauer. „Normalerweise hört man da immer, wie Türen klappen, Schritte auf dem Flur, wenn das Klassenzimmer gewechselt wird, wenn jemand auf die Toilette geht.“

An diesem Mittwoch, 18. März, Punkt 10 Uhr vormittags, hört man: nichts.

„Es war ganz still, im ganzen Schulhaus war es still. Es war beeindruckend“, erzählt Renate Schindelbauer. „Es war, als hingen wir alle an einem Gedanken dran. So etwas erlebt man ganz selten. Es war, als wäre eine unsichtbare Kraft da.“

Als wäre Gott in diesem Moment ganz besonders da.

Wie kann Gott das zulassen?

Und wenn sie jemand fragen würde, warum Gott so etwas wie den Amoklauf zulassen kann – was würde Renate Schindelbauer antworten? 

„Gott setzt immer die Botschaft von Liebe in die Welt. Doch Liebe ist nicht immer die Kraft, die sich am leichtesten durchsetzt. Das ist für Gott bestimmt auch bitter zu erfahren“ sagt sie. „Gott geht nicht hin und rammt seinen Zeigefinger in die Welt, um Menschen wegen irgendwas zu bestrafen.“

Seit dem Amoklauf von Winnenden will Renate Schindelbauer noch mehr für ihre Schülerinnen und Schüler da sein. Sie versucht, zu erkennen, wenn es jemandem schlecht geht, will herausfinden, was los ist, wenn einer schlecht drauf ist. „Ich versuche, meinen Schülern klarzumachen, ihr seid mir wichtig als Mensch, nicht als funktionierende Schülermaschine.“

Gott wird im Moment überall gebraucht

Seit Winnenden ist vieles anders, und nichts ist wie zuvor. Umso wichtiger, sagt Renate Schindelbauer, ist es da zu wissen: „Gott hält allen Trauernden die Hand, allen Menschen, die augenblicklich mehr Angst haben, als sonst. Gott ist immer da, wo er gebraucht wird. Im Moment wird er überall gebraucht.“

 

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